Skip to content

Normalisieren Beispiel Essay

DudenverlagDuden Located at Mecklenburgische Str. 53, Berlin, 14171, Berlin, . Phone: +49 30 897 85 82-81. https://www.duden.de.

nor­ma­li­sie­ren

Wortart: ℹschwaches Verb

Häufigkeit: ℹ▮▮▯▯▯

Rechtschreibung

Worttrennung: nor|ma|li|sie|ren

Bedeutungsübersicht

  1. wieder auf die allgemein übliche Weise gestalten
  2. wieder normal werden; wieder in einen allgemein üblichen Zustand zurückkehren

Synonyme zu normalisieren

  • angleichen, anpassen, auf ein normales Maß zurückführen, beruhigen, entkrampfen, in Ordnung/ins Lot/ins rechte Gleis bringen, ins Gleichgewicht bringen, in Übereinstimmung bringen, regeln, regulieren, richten, vereinheitlichen; (gehoben) in Einklang bringen; (umgangssprachlich) einrenken, in Ordnung bringen
  • sich beruhigen, sich einpendeln, sich entkrampfen, sich entschärfen, sich entspannen, sich geben, sich legen, ruhig werden, sich stabilisieren

Aussprache

Betonung: normalisieren
Lautschrift: [nɔrmaliˈziːrən]

Herkunft

französisch normaliser

Grammatik

schwaches Verb; Perfektbildung mit »hat«

PräsensIndikativKonjunktiv IImperativ
Singularich normalisiereich normalisiere 
 du normalisierstdu normalisierest normalisier, normalisiere!
 er/sie/es normalisierter/sie/es normalisiere 
Pluralwir normalisierenwir normalisieren 
 ihr normalisiertihr normalisieret 
 sie normalisierensie normalisieren 
PräteritumIndikativKonjunktiv II
Singularich normalisierteich normalisierte
 du normalisiertestdu normalisiertest
 er/sie/es normalisierteer/sie/es normalisierte
Pluralwir normalisiertenwir normalisierten
 ihr normalisiertetihr normalisiertet
 sie normalisiertensie normalisierten
Partizip I normalisierend
Partizip II normalisiert
Infinitiv mit zu zu normalisieren

Bedeutungen, Beispiele und Wendungen

  1. wieder auf die allgemein übliche Weise gestalten

    Beispiel

    wir konnten die Beziehungen normalisieren
  2. wieder normal (1b) werden; wieder in einen allgemein üblichen Zustand zurückkehren

    Grammatik

    sich normalisieren

    Beispiel

    die Verhältnisse in der Stadt haben sich normalisiert

Blättern

Im Alphabet davor

Im Alphabet danach

Die Aussichten klingen beeindruckend. Marissa Mayer, Vizepräsidentin bei Google, hat gerade dem Menschen des 21. Jahrhunderts mitgeteilt, demnächst von der Maschine gedacht zu werden. Aufgrund seines bisherigen Verhaltens werde sein zukünftiges von Computern vorhergesagt.

Vor kurzem noch kam sich die Hirnforschung besonders schlau durch den Nachweis vor, dass im Gehirn schon abläuft, was erst Sekunden später dem Bewusstsein erscheint. Damit, hieß es, sei die Vorstellung widerlegt, dass der Mensch einen freien Willen habe. Darüber dürfte Marissa Mayer nur lächeln, denn Google hat seinerseits vor, die Hirne zu belehren, was sie wollen. Welche Personen kennenzulernen für jemanden sinnvoll sein könnte. Wo in fremden Städten die Restaurants liegen, die einem Google-Nutzer gefallen müssten. Was ihre Bedürfnisse sind, was in ihrem Kühlschrank fehlt und dass ein Laden dafür gerade in der Nähe liegt. Man kann gar nicht so schnell denken, wie einem etwas vorgeschlagen wird.

Er denke nicht, ließ im selben Sinne schon vor zwei Jahren der damalige Google-Vorstand Eric Schmidt verlauten, dass die Leute von der Suchmaschine Antworten auf Fragen bekommen wollten, sondern vielmehr, dass ihnen Google sagt, was sie als Nächstes tun sollen. Das wird seit einiger Zeit auch auf das Suchen selber angewendet. Die Funktion „Google Instant“ vervollständigt eingetippte Suchworte und zeigt den Wikipedia-Artikel zu Proust schon bei „Prou“ an, bevor der Benutzer noch klargemacht hat, dass er auf der Suche nach dem Kloster Proussos ist. Einerseits führt das zu Zeitersparnis, andererseits handelt es sich um die Vorwegnahme von Entscheidungen, die dadurch wahrscheinlicher werden.

Demselben Prinzip folgen die Beliebtheitslisten und „Gefällt mir“-Zahlen, die dem Leser einer Internetseite sofort mitteilen, welche Texte, Videos oder Lieder auf ihr am häufigsten angetippt wurden oder von Teilsegmenten der 850-Millionen-Nutzergemeinde bei Facebook empfohlen werden. Hier ist man auf Zustimmungen spezialisiert. Die Absatzwirtschaft, der die entsprechenden Datenmengen verkauft werden, spricht von „Sentimentanalyse“, wenn sie aus ihnen herauszufiltern sucht, wem was wie sehr gefallen könnte.

Sie wollen also, kurz gesagt, den Zufall abschaffen. Es soll keinen Konsum und eigentlich keinen Gedanken geben, der nicht entweder eigens auf das Individuum zugeschnitten wurde, das ihn vollzieht. Oder der nicht dem folgt, was zunächst „Weisheit der vielen“ hieß, sich inzwischen aber unter dem Titel „Schwarmintelligenz“ dem annähert, was früher unter „Mode“ bekannt war. „Das Ziel“, schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Mark Andrejevic, „ist die Erschaffung einer interaktiven Medienlandschaft mit dreifacher Funktion – Unterhaltung, Werbung und Sonde“.

Seite 2: Wie unser Kaufverhalten manipuliert wird

Die Werbung bezahlt die Unterhaltung. Die Nutzer fungieren als Sonde, weil in den Servern der Anbieter mitgeschrieben wird, wer sich wann wie und wodurch unterhalten fühlte. So entstehen die Daten für Prognosen, wie auf Werbung reagiert werden wird. Die Zukunft wäre eine vollkommene Extrapolation der Vergangenheit. Oder genauer und in den Worten des Google-Chefökonomen Hal Varian: Die Datenbanken der Firma würden es erlauben, „die Gegenwart vorherzusagen“. Voraussetzung dafür soll nur sein, dass Google und Konsorten möglichst viel über die Vergangenheit wissen.

So die Ankündigung. Noch heißt es allerdings bei Amazon, einem anderen großen Spieler auf dem Markt für Verhaltensvorschläge, „Kunden, die sich für Band 1 interessierten, interessierten sich auch für Band 2“. Wer einen Dampfgarer gekauft hat, kommt als Käufer für Bücher über Dampfgaren besonders infrage. Darauf wäre selbst ein normales Gehirn gerade noch gekommen. Soeben wurde uns allerdings von Amazon „Thinking, Fast and Slow“ des Psychologen Daniel Kahneman empfohlen, weil wir „Thinking the Twentieth Century“ des Historikers Tony Judt gekauft hatten. Nicht ganz so beeindruckend.

So wenig wie beispielsweise der „Google-Indikator“ für Arbeitslosigkeit. Durch ihn soll sich aus der Häufigkeit bestimmter Schlagworte (zum Beispiel „Arbeitsagentur“ oder „Personalberatung“) unter den 100 Millionen täglicher Suchanfragen die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt herauslesen lassen. Seitdem das 2009 einmal versucht wurde, war nicht mehr viel von den Prognosen zu hören. Oder nehmen wir die Behauptung von Facebook, Internetbenutzer, die auf den „Gefällt mir“-Knopf drücken, seien überdurchschnittlich vernetzt, weswegen zu erwarten sei, dass sie durch Zustimmungen ihren Freundeskreis stärker beeinflussen als Experten oder die Ergebnisse von Suchmaschinen. Sollen Leute mit solchen Vorstellungen – „wenn meinen Freunden der Dampfgarer gefällt, glaube ich ihnen eher als der Stiftung Warentest“ – wirklich im Besitz sozialer und soziologischer Intelligenz sein? Oder halten sie nur einfach ihre Kunden für dumm?

Womöglich haben sie damit recht. Das Internet ist neben dem vielen Hilfreichen, Großartigen, Anregenden, das es anbietet, zu einer fixen Idee geworden, die den Verstand vernebelt.
Es scheint nicht zu genügen, dass man es als merkwürdige Bibliothek, Spielwiese, Post oder Warenhaus benutzen kann, es muss offenbar die Zukunft selbst enthalten und alles, alles revolutionieren: die Wirtschaft und die Demokratie, das Recht und die Bildung, die Liebe und den Sinn von Individualität.

Seite3: Warum Schulen und Universitäten als Orte überflüssig geworden sind

So hat der amerikanische Informatiker David Gelernter beispielsweise behauptet, Schulen und Universitäten seien als Orte überflüssig. Denn wozu sollten viele Schüler von einem Lehrer in einer Klasse unterrichtet werden, wenn auch Einzelfernunterricht möglich ist? Wozu sollte man sich einem vorgegebenen Curriculum beugen, wenn Lernstoffe und -geschwindigkeiten frei wählbar sind? So denkt ein Technologe. In der soziokulturellen Evolution hat sich seit mehr als 2000 Jahren der Unterricht in Gruppen bewährt, aber jetzt haben wir Maschinen, die ihn entbehrlich machen?

Entweder ist diese Medienrevolution dann, wie in diesem Beispiel, die reine Verheißung: von Partizipation, lokaler Selbstbestimmung, Effizienz, Wachstum, Aufwertung der Minderheiten und politischer Transparenz. Oder sie führt zu einem neuen „Kontrollregime“, zur vollendeten Kommerzialisierung jedweder Lebensbezüge oder einer Art sozialem Nervenzusammenbruch.

Das gilt seit langem in der Geschichte der Medien. Vor 50 Jahren diagnostizierte Jürgen Habermas für unsere Epoche einen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, und zwar einen fragwürdigen. Sah er doch die normativen Erwartungen an eine öffentlich über das Gemeinwohl diskutierende Bürgerschaft, wie sie um 1800 formuliert worden waren, im Verlauf der nachfolgenden Politik- und Mediengeschichte enttäuscht.

An die Stelle der parlamentarischen Debatte mit offenem Ausgang traten der Fraktionszwang, der Primat der Exekutive und der Lobbyismus im Hinterzimmer. An die Stelle der kritischen Journale traten die Boulevardpresse und das Unterhaltungsfernsehen. Die Pressefreiheit, einst als Mittel der Wahrheitssuche durchgesetzt, diene inzwischen der Werbung. Aus Lesern waren Zuschauer geworden. Die Willensbildung im Volk werde durch die Medien nicht befördert, sondern propagandistisch bearbeitet. Habermas konstatierte einen „Zerfall bürgerlicher Öffentlichkeit“, den Antiliberale wie der Rechtswissenschaftler Carl Schmitt 40 Jahre zuvor schon mit grimmiger Befriedigung festgehalten hatten.

Die hohen gesellschaftlichen Erwartungen, die an das Zeitschriften- und Zeitungswesen der Aufklärung gerichtet waren, sind kein Einzelfall. Bislang ist noch jedes neue Massenmedium von solchen Hochstimmungen begleitet worden. Der Buchdruck entzündete zuerst die Reformation, die ihm das durch Lektüre vermittelte Gespräch mit seinem Gott zu bringen versprach. Dann ermöglichten Bücher und Zeitungen im 18. und 19. Jahrhundert die „Erfindung der Nation“ und ihrer „Kultur“. Mit der Fotografie und dem Kino wurde ein neuer Realismus angekündigt, eine ganz über Wahrnehmung laufende Alphabetisierung der Massen und damit zugleich die Zerstörung eines nur wenigen vorbehaltenen Zugangs zur Kunst.

Seite 4: Mc Luhan, Enzensberger und die Mediale Entwicklung

Vom Radio, mit dem die mediale Eroberung der Allgegenwart begann, erhoffte sich Bertolt Brecht 1932, „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen“. Im Fernsehen wiederum erkannte einer seiner Propheten, der kanadische Technikphilosoph Marshall McLuhan, die Möglichkeit zu einer Kommunion der Weltgemeinschaft, die sich durch Schauen derselben Sendungen vereint.

Hans Magnus Enzensberger hat 1970 in seinem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ diese Erwartungen noch einmal zusammengefasst. In diesem Aufsatz wird bereits von einem Zusammenschluss aller elektronischen Kommunikationsmittel gesprochen, die technisch keinen prinzipiellen Gegensatz von Sender und Empfänger kennen. Das „Senderkartell“ erschien Enzensberger so überflüssig wie „das politische Angebot eines Machtkartells von autoritär verfassten Parteien“, die passive Entscheidung, dem gesendeten Programm zu folgen, verglich er mit dem Wahlverhalten.

Ihrer Struktur nach seien die neuen Medien egalitär und inklusiv. Sie lösten geistiges Eigentum auf, erlaubten augenblickshaften Zugriff und seien in der Lage, auch Beiträge von Laien, dezentralisierte Programme und „Feedback“ leicht zu integrieren. Damit entsprächen sie dem Bedürfnis nach direkter Demokratie und Selbstorganisation der Gesellschaft. Einzulösen wären diese Möglichkeiten allerdings nur, so Enzensberger damals, durch eine sozialistische Politik.

Heute, 20 Jahre nach der massenwirksamen Einführung des Internets – 1994 überstieg die Zahl der kommerziellen Nutzer erstmals die der wissenschaftlichen –, liegt es nahe, danach zu fragen, welche Erfahrungen wir mit den entsprechenden Erwartungen gemacht haben, die in dieses Medium gesetzt wurden. Dies umso mehr, als es sich ja um das Medium aller Medien handelt, die technologische Erfüllung des Enzensberger’schen Baukastens, die zugleich Buch, Zeitung und Radio, Fernsehen, Kino und Musikbox sowie Einkaufsmeile, Post, Bildtelefon und Datenbank ist.

Seite 5: Die paradoxen Versprechen der digitalen Kommunikation

Ganz materielle Erwartungen wie die, der Computer führe zum papierlosen Büro, sind dabei am schnellsten und am trivialsten enttäuscht worden: Es ist einfach immer mehr Papier geworden. Der Energie- und Chemikalienbedarf der „neuen Ökonomie“, die sich angeblich von der ökologisch zweifelhaften alten absetzte, sprengt inzwischen jede Vorstellung. Die elektronische Post, die alles beschleunigen sollte, tat es eine Zeit lang, inzwischen aber werden E-Mails zugleich viel schneller und viel langsamer beantwortet als alle früheren Sendungen. Es sind zu viele geworden, und die Smartphones ermöglichen dort, wo sie nicht der Unterhaltung dienen, vor allem das E-Mail-Löschen außerhalb der Kernarbeitszeit.

Die zahlreichen Ergänzungstechnologien des Chattens und Skypens und Postens und Twitterns mit ihren eigenen folgenreichen Festlegungen (nur Unwichtiges; mit Bild; vorwiegend Unverbindliches; an alle, aber ohne Erwartung einer Antwort) verschärfen gerade durch ihre Nützlichkeit dieses Problem. Als mögliche Reaktion darauf wird „Twitter Zen“ genannt: Wo das „Ich“ war und Information oder Mitteilungen suchte, soll nun ein „Es“ werden, das Sich-Treiben-Lassen durch die Marktnischen und Netzwerksegmente – in der Hoffnung, das Wichtige schon irgendwie mitzubekommen.

Und was ist mit dem „Long tail-Argument“, das behauptete, das Internet begünstige die Präferenzen von Minderheiten, weil sie weltweit als Kunden einzusammeln sich nun lohne? Die Gegenthese von der „The winner takes it all“-Ökonomie, wonach das Gros der Aufmerksamkeit sich auf immer weniger Produkte richtet, ist aber mindestens so plausibel – die Beliebtheitslisten jedenfalls haben nachweislich diese Wirkung, das Interesse durch das Interesse der anderen führen zu lassen. Angeklickt werden auf „Youtube“ vor allem jene Filmchen, die schon von Millionen anderen angeschaut worden sind: Der Herdentrieb funktioniert wie eh und je.

Von den artverwandten Erwartungen, das Internet sei ein Instrument der Vielfalt dezentraler und von Autoritäten freier Kommunikation, gilt dasselbe. Es stimmt und ist falsch zugleich, denn neben der Vielfalt hat es nicht nur die Einfalt derer gebracht, die glauben, Facebook sei ein Hilfsmittel von Demokratiebewegungen, ohne damit zugleich auch eines von Geheimdiensten sein zu können. Oder die sich vorstellen können, dass durch Livestreams von Parteitagen die Demokratie liquider würde, anstatt die Funktion von Hinterbühnen für die Gesichtswahrung in Entscheidungsprozessen zu erkennen.

Die Vielfalt des Internets wird auch von einem beispiellosen Monopolisierungsgrad auf seinen ausschlaggebenden Märkten begleitet: Google, Facebook, Twitter, Amazon. Daran ändert das angestrengte Bemühen mancher dieser Firmen nichts, sich als die Guten und Netten, die etwas verschenken, oder als Animateure und Teil von sozialen Bewegungen darzustellen.

Wenn sie es nicht sind, ist das nur vor dem Hintergrund kindlicher Erwartungen ein „Verrat“ an der Idee des Internets. Technik hat keine Idee – was nicht gegen sie spricht. Es ist auch kein Verrat an der Idee des Personenkraftwagens, wenn man ihn nicht mehr selber reparieren kann, mit ihm im Stau steht oder wenn die Idyllen, in die er einen bringen soll, durch die Straßen, über die er einen dahin bringt, zerstört werden. Um es mit Melvin Kranzbergs treffender Formel zu sagen: Technologien sind weder gut noch böse noch neutral.

Seite 6: Das Ende des Geheimnisses  

Doch was das Internet angeht, sind sie vor allem in Fragen der Privatheit nicht neutral. Wer immer sich auf einer Internetseite befindet, auf der sich der Facebook-Schalter „Gefällt mir“ befindet, sendet diese Information an Facebook, ganz gleich, ob der Schalter gedrückt wird oder die betreffende Person überhaupt Facebook-Mitglied ist. Dieser umfassende Bewegungsmelder umgeht damit sogar die ellenlangen „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die Facebook für die Nutzung seines Netzwerks geschrieben hat und ständig ändert. Man hat noch mit niemandem einen Vertrag über irgendetwas abgeschlossen, aber schon werden Daten über einen an Facebook übermittelt. Jede Überwachungskamera auf öffentlichen Plätzen erscheint harmloser.

Darum reagieren Funktionäre von Facebook und Google auch so gereizt auf anonyme Nutzer. Wer nicht wolle, dass alle etwas davon erfahren, solle es vielleicht auch nicht tun – so Eric Schmidt von Google. Marshall McLuhan hat schon 1974 das Ende des Geheimnisses als einen Effekt elektronischer Umwelten behauptet. „Das Ende der Geheimhaltung ist das Ende der Wissensmonopole.“ Etwas später hat einer seiner Schüler, Joshua Meyrowitz, dem Fernsehen die Eigenschaft zugeschrieben, soziale Hinterbühnen für das Publikum zu öffnen: Die Kinder erfahren im Fernsehen, was die Erwachsenen tagsüber und nachts so machen; die Wähler sehen, wie die Politiker schwitzen; Männer und Frauen bekommen mit, wie in der anderen Gruppe über sie geredet wird. Es ist, mit anderen Worten, nicht mehr nötig, den Zugang zu bestimmten Orten zu haben, um zu erfahren, wie es an ihnen zugeht.

Jetzt aber soll es gar keine Hinterbühnen mehr geben, und nicht einmal soziale Situationen sollen sich mehr voneinander isolieren lassen. „Die Zeit, in der man seinen Kollegen ein anderes Bild von sich geben konnte als anderen Leuten, kommt vermutlich recht bald an ihr Ende“, lässt Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, dessen Nutzer wissen und ergänzt: „Wer zwei Identitäten hat, dem mangelt es an Integrität.“

Das sind Phrasen – Zuckerberg hält nicht einmal Identität und Rolle auseinander –, deren Verwirklichung weder er noch sonst jemand erträglich finden würde. Der Begriff „totalitär“ würde auf sie passen. Dass sie als unabwendbare Konsequenz des Internets präsentiert und mit einer Moral der Aufrichtigkeit drapiert werden, hängt mit Geschäftsinteressen zusammen. Denn natürlich könnte man die Allgemeinen Geschäftsbedingungen für soziale Medien anders normieren.

Seite7: Digitaler Exhibitionismus und die Sehnsucht nach dem „Microruhm“…

Der Fall „Google books“, in dem der Versuch juristisch abgewiesen wurde, unausgenutzte Texte zu herrenlosem Gut zu erklären, zeigt, dass sich nicht alle Rechtsbegriffe ändern müssen, nur um einer neuen Technologie zu allen Möglichkeiten zu verhelfen.

Und doch haben jene Phrasen Folgen diesseits der Geschäftemacherei von Leuten, die Datenwolken über das Verhalten anderer Leute verkaufen. Denn sie tragen zu einem Weltbild bei, das sich teils aus Freude am Kommunizieren, teils aus Resignation vor undurchschauten Strukturen fatalistisch zu den Medien verhält. Im Internet sei es eben vorbei mit den alten Eigentumsbegriffen, im Internet sei Privatsphäre eben nicht durchzuhalten, heißt es. Doch aus der Tatsache, dass es technisch ebenfalls ziemlich schwierig ist, einen Einbruch zu verhindern, schließt noch niemand, dass die Privatsphäre in Wohnsiedlungen nicht durchzuhalten sei.

Die Begeisterung am transparenten Leben läuft darauf hinaus, dass die Öffentlichkeit mit Privatem überflutet wird. David Riesman hatte in seinem Buch „Die einsame Masse“ einst das Bild vom „Radargerät“ verwendet, mit dem der moderne Mensch ständig seine soziale Umwelt daraufhin abtaste, was von ihm erwartet werde. Das Internet sorgt mittels Facebook und Twitter, aber auch durch die Blogs dafür, dass diese Art von sozial empfindlicher Subjektivität nicht mehr nur empfangen, sondern auch senden kann.

Daraus ergibt sich eine gewisse Hemmungslosigkeit der „Mikroberühmtheiten“, auf deren Texte kein zweiter Blick fällt, bevor sie öffentlich gemacht werden, und die dem Rest der Menschheit Gelegenheit bieten, sich an ihren Privatheiten zu interessieren, so als wären sie Stars. „Für eine Konzentration auf unpersönliche Sachverhalte“, notiert der Soziologe Rudolf Stichweh, „die man nach längerem Studium in eine weltfähige Kommunikation umsetzt, bleibt möglicherweise keine Zeit.“Das Internet legt es nahe, den Abstand von Erleben und Mitteilen sozial wie psychologisch immer kürzer werden zu lassen.

Die neue elektronische Öffentlichkeit kennt bisher keine Antwort auf die Frage, wie gesellschaftlich der Sinn für Unpersönliches anstatt für Geschmacksfragen, für Reserven anstatt für Engagements, für stabile Begriffe anstatt für fluktuierende Informationen und für gute Fragen anstatt für treffende Suchergebnisse wach gehalten werden kann. Verwegen ist jedenfalls die Hoffnung, dass jene Antwort irgendwo im weltweiten Netz darauf wartet, mit einem Klick aufgerufen zu werden.